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Fit für den elften Grad

Heli Kotter im Interview zu Motivation, Training und Einstellung

9 Minuten Lesezeit
Heli Kotter zählt seit Jahren zu den Top-Kletterern im Voralpenland. Jetzt sind wieder Begehungen bzw. Erstbegehungen im elften Grad dazugekommen. Martin Hanke hat sich mit Heli über Einstellung, Motivationen und Trainingsgewohnheiten unterhalten.

Die Tourenliste des Rosenheimers ist ziemlich lang und beeindruckend. Da tauchen Namen auf wie Bellavista (8c), Big Hammer (9a), Shogun (8c) und dann auch noch Boulder bis 8b+ auf. Ziemlich vielseitig gestaltet sich das kletterische Portfolio des 32 Jährigen Berufsschullehrers – vom alpinen Sportklettern bis hin zum Bouldern in Südafrika. Auch in der letzten Zeit hört man einiges: Begehungen bzw. Erstbegehungen von Iron Man (8c), Silverliner (8c+), eine Route am Pfeiler im Inntal (8c+) und dann noch Big Hammer (9a) in der Nähe von Reutte, sowie eine andere Erstbegehung in dieser Schwierigkeit, bei der es bereits kurz vorm Durchstieg scheint. Bei so viel Energie an der Felswand hat sich Martin Hanke die Fragen gestellt wie Heli Kotter über so lange Zeiträume Kraft tankt, motiviert bleibt, wie er für Projekte trainiert und wie er gegenüber der Entwicklungen in seiner Sportart eingestellt ist – und Heli Kotter hat sie beantwortet. (Anm. d. R.: Die Schwierigkeitsskala beim Klettern geht derzeit bis 9b+, was ca. dem Grad UIAA XII-/XII entspricht, der elfte Grad fängt bei 8c an, also UIAA XI-, und stellt eine sehr extreme Schwierigkeit und sportliche Herausforderung dar.) 

Heli Kotter im Interview | Foto: Archiv Kotter
Heli Kotter, der 38-Jährige Rosenheimer ist aus der Kletterszene nicht mehr wegzudenken. Beim Sportklettern, beim Alpinklettern und auch beim Bouldern ist er ganz vorne dabei.

Heli, steigen wir gleich ein: Wenn man schaut, was Du die letzten Tage alles geklettert bist, stellt sich die Frage was der Kerl so zu sich nimmt! Woher kommt die Kraft? Liegt es an einer strengen Schweinsbraten-Diät, dem Rosenheimer Flötzinger Bräu oder an keinem von beiden?

Heli Kotter: Da liegst du ganz daneben, Flötzinger wird bei den Kotters nicht getrunken – nur Auerbräu ist unser Bräu (lacht!). Ja, Bier gibts bei mir schon relativ viel zu trinken aber meist nur ein Leichtes oder Alkoholfreies. Aber ich konnte schon oftmals feststellen, wenn ich am Vorabend in der Kneipe vier Scharfe getrunken habe, dann war am nächsten Tag richtig Strom da!! Vielleicht gilt diese Regel auch nur für einen Bayer.

Was kommt bei Dir auf den Teller?

Heli Kotter: Essenstechnisch mische ich viel durch, vom Gemüse über Käse, Fleisch bis zur Schokolade. Aber unterm Strich ernähre ich mich schon bewusst und nur nicht hungern! Am Morgen gibt es Müsli und gegen Abend schau ich, dass ich vermehrt Eiweiß anstelle der Kohlenhydrate zu mir nehme. Wobei ich auf meine abendliche Schokolade an keinem Tag verzichte. Eine reine Eiweißdiät am Abend würde ich nie machen. Solch eine Diät würde ich nicht durchhalten bzw. ich wäre dann sehr unausgeglichen und genervt. Das wäre mir die ganze Sache nicht wert. An Klettertagen esse ich dann gerne Clif Bar! Da habe ich die nötigen Kohlenhydrate und fühle mich leicht.

„Aber unterm Strich ernähre ich mich schon bewusst und nur nicht hungern!“

Ob an den Zinnen im alpinen Gelände, beim Bouldern in den Rocklands oder beim Sportklettern am Schleier Wasserfall in Tirol – Du bringst immer wahnsinnig viel Motivation mit! Was lässt Dich jedes Mal wieder einsteigen?

Heli Kotter: Auf das Sportklettern und Bouldern bin ich 365 Tage im Jahr heiß. Frische Luft, top Ambiente, nette Leute. Wie sagt Wolfgang: „Jeder Klettertag ist ein guter Tag“. Ich sag: „do host recht“. Beim Alpinklettern dagegen muss man schon eine gewisse Leidensbereitschaft mitbringen. Gerade wenn die Projekte weiter entfernt sind, ist es eine enorme Energieleistung diese neben der Arbeit zu bewältigen. Da bin ich schon immer froh, wenn ein Highlight im Jahr rausspringt! Zudem sind die Standplätze in den steilen Alpinrouten immer äußerst anstrengend und unbequem.

Erst kürzlich hast Du zwei schwere Erstbegehungen abhaken können. Ein wenig seltsam ist, dass Du vorab gar nicht weißt, ob die Tour überhaupt kletterbar ist. Wie gehst Du damit um?

Heli Kotter: Gerade alte Projekte, an denen sich schon mehrere fähige Kletterer probiert haben, stellen für mich einen ganz besonderen Reiz dar. Die Lösungen sind meist nicht offensichtlich. Ich tüftle oftmals mehrere Bouldersessions an einzelnen Sequenzen herum. Wenn ich das Bewegungspuzzle so lösen kann, dass die Route für mich kletterbar erscheint, ist für mich schon der größte Anreiz vorbei. Alle weiteren Mühen für den darauffolgenden Durchstieg sind dann meist nur Routine.

„Gerade alte Projekte, an denen sich schon mehrere fähige Kletterer probiert haben, stellen für mich einen ganz besonderen Reiz dar.“

Ist es Dir schon einmal passiert eine für Dich nicht kletterbare Route als Projekt gefunden zu haben?

Heli Kotter: Ja, das ein oder andere für mich wahrscheinlich nicht kletterbare Projekt ist mir schon untergekommen. In solchen Projekten habe ich noch nie aufgegeben. In langen Abständen besichtige ich diese wieder. Vielleicht hatte ich ja was übersehen oder ich bin schon wieder viel, viel stärker geworden. Künstliche Griffe zu basteln, um diese Linien trotzdem klettern zu können, stellt für mich ein absolutes NO GO dar. Künstliche Griffe rauben mir sofort jegliche Motivation. Wenn man die Fitness- und Spaßkomponente beim Klettern außen vorlässt, ist für mich der einzige „Sinn“ beim Klettern naturbelassene Linien frei zu klettern. Für mich besteht kein Unterschied zwischen einer Kunstroute und einem Klettersteig.

Heli Kotter im Interview | Foto: ALPSOLUT Moving Pictures
Eiszeit (8c+/9a) am Schleier Wasserfall ist eine 35 Meter lange Linie, die direkt hinter dem Wasserfall hochführt. Dem Namen nach war es recht kalt als Heli dieses Projekt befreite und erstbeging! | Foto: ALPSOLUT Moving Pictures

Eines deiner letzten Projekte Iron Man (8c) war an der Weigend Wall, also direkt vor der Haustür. In diesem Fall hat es Dir Florian Burggraf überlassen und Du konntest Dich daran versuchen und es auch klettern. Läuft das immer so ab oder wie suchst Du Dir neue Herausforderungen?

Heli Kotter: Zum Glück gibt es viele Bohrwütige im Alpenvorland. So springen für mich immer wieder mal neue Erstbegehungen raus, bei denen ich nicht den Bohrer in die Hand nehmen musste. Nochmals ein großes Dankeschön an den Burgie, Bene und manch anderen. Aber ich habe natürlich auch schon Routen eingebohrt. Gerade bei Wiederholungen inspirieren mich Bilder aus dem Internet oder Führern.

2018 greift Heli Kotter eine neue Linie an: den Silberrücken an der Zellerwand im Achental. Welche Kraft und welches Können die mit 8c+ bewertete Route Heli abverlangt, siehst Du im Video:

Vielseitigkeit zeichnet Dich aus und wenn man Deine Routenliste betrachtet stellt man sich die Frage bei welcher Kletterdisziplin Du nicht erfolgreich bist. Gibt es etwas was Du nicht so gut (halten) kannst?

Heli Kotter: Ganz übel sind für mich Einfingerlöcher oder kleine Knöpfe die es aufzustellen gilt. Diese Schwächen kann ich nur mit Hilfe eines Griffboardes wie dem Beastmaker oder Core ausmerzen. Beim Bouldern würde ich mir an solchen Griffen sofort Verletzungen zuziehen.

Heli Kotter Interview | Foto: Kotter
Aus der Sicht eines Sichernden. Heli Kotter in einem Projekt am Schleier Wasserfall. | Foto: Archiv Kotter

Achtest Du speziell auf dein Training oder gehst Du wie so viele andere einfach nur klettern und wirst dadurch immer stärker? Was steckt in deiner Trainingstrickkiste?

Heli Kotter: Ein Patentrezept für das Klettertraining gibt es leider nicht. Das Training hängt stark von den jeweiligen Zielen ab und sollte abwechslungsreich gestaltet sein. Mein Training gestalte ich am liebsten direkt am Felsen in meinen Projekten. Sinn und Spaß macht dieses Training eigentlich nur wenn die Verhältnisse passen. Vor alpinen Routen wäre es optimal wenn man zusätzlich im Klettergarten ein paar onsight Meter in leichteren Touren zurücklegt. Kletterpraxis ist hier das wichtigste! Leider komme ich meistens nicht dazu und muss mir die Grundlagenausdauer, Kletterpraxis im Schnellverfahren direkt in den Projekten holen.

Bereitest Du Dich auf alpine Touren extra vor?

Heli Kotter: 2010 kletterte ich Bellavista und Panaroma an der Westlichen Zinne. In den vorangegangenen dreiviertel Jahr hatte ich damals nicht einmal 10 Klettertage am Felsen. In Projekten bouldert man sich oftmals Lösungen aus die einem liegen oder man sucht sich bevorzugt Projekte die einem entgegenkommen. So sind für mich Hängeübungen oder Übungen am Campusboard zum Aufbau der Fingerkraft wichtig, um meine Schwächen zu trainieren. Um spritzig zu bleiben, absolviere ich mindestens einmal in der Woche ein Maximalkrafttraining. Ein mögliches Übertraining vermeide ich indem ich darauf achte, mindestens einmal in zwei Wochen vollständig regeneriert zu sein.

„Ein Patentrezept für das Training gibt es leider nicht.“

Wenn Du ein schweres Projekt geklettert bist, wie fühlst Du Dich da? Ist die Motivation sofort wieder auf 100 Prozent für etwas Neues?

Heli Kotter: Nach einem schweren Rotpunkt ist die Motivation auf 120 Prozent. Überschüttet mit Endorphinen und voll gepumpt mit allen körpereigenen Drogen möchte ich eigentlich sofort in die nächste Route rein. Das mach ich meist auch noch am selben Tag. Ich glaub ohne Projekte bzw. Ziele fällt man leicht in ein Motivationsloch. Gerade neben der Arbeit brauche ich immer irgendwelche Routen im Hinterkopf um ein anständiges Training durchzuziehen.

Heli Kotter in Südafrika beim Bouldern | Foto: Kotter / Dillinger
Heli Kotter beim Bouldern in den Rocklands in Südafrika. | Foto: Kotter / Dillinger

Gehen wir doch ein wenig ins Philosophische – Du bist ja auch schon eine ganze Weile beim Klettern dabei – was meinst Du wohin die ganze Geschichte noch gehen wird oder ist irgendwann einfach Schluß weil es länger schwerer oder kleingriffiger einfach nicht mehr geht.

Heli Kotter: Es geht immer schwerer. Rein theoretisch kann man zehn Fb8c Boulder aneinanderreihen und dann ist der nächste oder sogar übernächste Grad auf alle Fälle erreicht. Aber da sind sogar die Spitzenleute wie Adam Ondra noch weit entfernt. Meines Erachtens wird’s so schnell nicht über 9c (ist noch nicht geklettert worden) hinausgehen. Eine 9c+ würde bedeuten, der Erstbegeher solch eines Grades müsste in der Lage sein mehrere 9b’s zu flashen bzw. onsight zu klettern. Diesen Maßstab muss man anlegen, denn sonst wäre der Schwierigkeitsunterschied zwischen den Graden zu gering. Prinzipiell hat es bereits von 9a+ auf 9b / 9b+ beinahe fast 20 Jahre gedauert. Diesen Grad klettern gerade mal eine handvoll Leute weltweit. Im Grad 9a gibt es aufgrund der sehr guten Jugendförderung mittlerweile einige Leute. Zudem gibt’s in diesen Graden jetzt schon eine sehr große Auswahl an Routen und man kann sich die passenden raussuchen.

„Ich glaub, ohne Projekte bzw. Ziele fällt man leicht in ein Motivationsloch.“

Du bekommst ja sicher die Entwicklungen der „jungen“ Szene beim Bouldern, Sportklettern und auch Alpinklettern mit. Immer schneller werden ultraschwere Probleme geknackt und wiederholt. Wie empfindest Du diese Entwicklung?

Heli Kotter: Ich bekomme sie nur am Rande mit. Ich beschäftige mich mit dem Thema Klettern nur dann, wenns an die Wand geht! Die News, die zu mir durchsickern, empfinde ich als motivierend. Gerade neue Ansätze in der Trainingslehre, die ganz erkennbar anschlagen, probiere ich gerne aus. Der Sport wird ganz offensichtlich professioneller und von der neuen Szene vorangetrieben.

Und zu guter letzt der Klassiker: EIN Tipp für alle, die gerade erst mit dem Klettern begonnen haben.

Heli Kotter: Dro‘ bleim‘!

Heli, vielen Dank für Deine Zeit und die Einblicke, die Du uns gewährt hast, dann bleib dro‘!

Weitere spannende Sportlergeschichten und Bergliteratur findest du auf bergzeit.de!

Mehr zum Thema Klettern & Heli Kotter findest Du im Bergzeit Magazin:

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