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Gut geschützt ist halb überwintert

Schutzzonen im Winter: Worauf sollte man achten?

8 Minuten Lesezeit
Welche unterschiedlichen Arten von Schutz- und Schonzonen gibt es für Wildtiere im Winter und warum ist es wichtig sie zu beachten? Diesen und weiteren Fragen geht Bergzeit Autor Johannes Wessel auf den Grund und spricht dazu mit dem Gebietsbetreuer des Mangfallgebirges Florian Bossert.

Volle Parkplätze, volle Aufstiegsspuren, volle Gipfel: Auf den bekannten Wintertouren sind mittlerweile sehr viele Skitouren- und Schneeschuhgeher unterwegs. Dieses Mal möchte ich dem großen Andrang entgehen. Es hat geschneit und ich freue mich auf eine Skitour über eine Route, auf der ich möglichst alleine bin. Bei der Planung fallen mir in meiner Alpenvereinskarte einige farblich schraffierte Flächen auf, die in der Legende als Wildschutzgebiet bzw. Wald-Wild-Schongebiet ausgewiesen werden. Nicht zum ersten Mal frage ich mich: Was bedeutet das eigentlich?

Ich sprach dazu mit Florian Bossert, dem Gebietsbetreuer für das Mangfallgebirge am Landratsamt Miesbach.

Florian Bossert, Gebietsbetreuer des Mangfallgebirges, erklärt, was Schutz- und Schonzonen sind und warum sie so wichtig sind.

Gebietsbetreuung Mangfallgebirge | Florian Bossert

Florian Bossert, Gebietsbetreuer des Mangfallgebirges, erklärt, was Schutz- und Schonzonen sind und warum sie so wichtig sind.


Amtliche Schutzzonen

Das System der Schutzgebiete erscheint zunächst etwas komplex. Zum einen gibt es großflächige amtliche Schutzgebiete. Das sind z.B. Naturschutzgebiete, Landschaftsschutzgebiete und „Natura 2000-Gebiete“. Bei letzterem handelt es sich um ein EU-weites Netz von Schutzgebieten zur Erhaltung gefährdeter oder typischer Lebensräume und Arten. Es setzt sich zusammen aus den Schutzgebieten nach der Vogelschutz-Richtlinie (SPA-Gebiete) und den Schutzgebieten nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Gebiete). Je nach Schutzgebiet gibt es unterschiedliche Regelungen und Verbote wie beispielsweise Drohnenflugverbote, die Anweisung, Hunde an der Leine zu führen, Wege nicht zu verlassen, bestimmte Wege nicht mit dem Fahrrad zu befahren oder Blumen zu pflücken. Betretungsverbote sind hier selten.

Anders bei den sogenannten Wildschutzgebieten. Auch sie sind amtlich und eher kleinflächig. Sie werden zum Schutz von Wildtieren wie den Raufußhühnern aber auch im Umfeld von Rotwildfütterungen von den Jagdbehörden der Landratsämter ausgewiesen. Für diese Flächen gelten zeitlich begrenzte absolute Betretungsverbote. Meist sind diese auf die sensiblen Jahreszeiten beschränkt, wie beispielsweise den Winter oder zur Vogelbrutzeit. Außerdem kann das Betretungsrecht in sensiblen Bereichen auch nach dem Naturschutzrecht eingeschränkt werden. „Besonders im Winter ist es wichtig, dass Wildtiere dort einen Rückzugsraum haben, denn besonders dann heißt es Energie sparen in dieser kargen Jahreszeit. Aber auch die Vogelbrutzeit ist entscheidend, da in diesem Zeitraum Balz und Jungenaufzucht funktionieren müssen, um die Populationen zu erhalten. Gerade bei den vom Aussterben bedrohten Raufußhühnern zählt hier jedes Huhn“, erklärt Florian Bossert, Gebietsbetreuer für das Mangfallgebirge am Landratsamt Miesbach.

Rauhfußhühner, zum Beispiel Birkhähne (hier: balzender Birkahn)...

H. Werth

Rauhfußhühner, zum Beispiel Birkhähne (hier: balzender Birkahn)…


...unterliegen im Winter und zu Brutzeiten besonderem Schutz (im Bild: junger, einjähriger Birkhahn) .

Gebietsbetreuung Mangfallgebirge | Florian Bossert

…unterliegen im Winter und zu Brutzeiten besonderem Schutz (im Bild: junger, einjähriger Birkhahn) .


Beispiele sind hier die Gebiete am Aufacker und am Köpfen bei Unterammergau sowie das Hörnle bei Bad Kohlgrub. Da gerade das Hörnle aber eine beliebte Skitour ist, die auch von Münchner Tourengehern gerne gegangen wird, wurde hier die so genannte „Hörnlerunde“ etabliert. Mit entsprechenden Hinweisschildern werden die Skitourengeher und Winterwanderer am Hörnle auf einen Rundkurs und vorbei an den Ruhezonen der Wildtiere gelenkt.

Wer sich nicht an die Bestimmungen der amtlich ausgewiesenen Gebiete hält, muss mit Geldbußen rechnen. Bei Wildschutzgebieten können das bis zu 5.000 Euro sein.

Freiwillige Schutzzonen

Zusätzlich zu den amtlichen Gebieten gibt es sogenannte Wald-Wild-Schongebiete. Das sind Schutzzonen, die seit 1995 vom Deutschen Alpenverein gemeinsam mit Fach- und Gebietsexperten unterschiedlichster Verbände, Behörden und Interessensgruppen angelegt wurden. Bei den Wald-Wild-Schongebieten wird auf die Vernunft und Freiwilligkeit der Wanderer und Tourengeher gesetzt. Die sollten sich an die Routenempfehlungen und Markierungen halten.

Die Wald-Wild-Schongebiete sind vor allem für die besonders gefährdeten Rauhfußhühner – also das vom Aussterben bedrohte Auer- und Birkhuhn, sowie Schneehuhn wichtig. Natürlich profitieren auch Gämsen und Schneehasen von diesen Gebieten. Es wurden über 500 Routen für den gesamten bayerischen Alpenraum sowie den Bayerischen Wald erarbeitet, die die Schutzzonen sowie die Wildschutzgebiete umgehen.

Wie Tiere im Winter überleben

Aber warum ist es gerade im Winter so wichtig die Schutz- und Schonzonen einzuhalten? „Im Winter müssen Tiere Energie sparen und möglichst viel Zeit an einem geschützten Platz bleiben “, erklärt Bossert. Sie fahren hierzu ihre Körpertemperatur herunter und reduzieren auch den Herzschlag auf ein Minimum. Wenn sie aufgeschreckt werden, müssen sie ihren Stoffwechsel in kurzer Zeit hochfahren, um flüchten zu können. „Dieser erhöhte Energiebedarf im Winter ist für die Tiere lebensbedrohend“, so Bossert weiter, der als Wildtierbiologe in Nationalparks in Nordamerika, den Alpen und den Karpaten Erfahrung gesammelt hat.

Rauhfußhühner graben sich bei entsprechender Schneelage in Schneehöhlen ein. Werden sie dort aufgeschreckt, hat dies einen lebensbedrohlichen Energieverlust zur Folge.

Gebietsbetreuung Mangfallgebirge; Zeichnung Sebastian Schrank

Rauhfußhühner graben sich bei entsprechender Schneelage in Schneehöhlen ein. Werden sie dort aufgeschreckt, hat dies einen lebensbedrohlichen Energieverlust zur Folge.


Schneehühner leben oberhalb der Waldgrenze. Sie verbringen den Tag wie alle Raufußhühner meist in selbstgegrabenen Höhlen im Schnee. Futter sind apere Grasflächen oder Zwergsträucher wie Alpenrosen. Kleine einzeln stehende Büsche, Latschen oder Sträucher dienen ihnen tagsüber oft als Schutz. Sie verlassen die Höhle nur zur Nahrungssuche in der Morgen- und Abenddämmerung. Fährt oder geht man im Schnee über ihre Höhle oder nähert man sich ihr, schreckt man sie auf und sie verlieren dabei die notwendige Energie und sind im Frühjahr zu schwach für die Fortpflanzung. Zudem kann es passieren, dass sie keine neue Höhle wegen eines Harschdeckels mehr anlegen können und die Nacht im Freien bei Minusgraden verbringen müssen. In der Schneehöhle wäre es bei Temperaturen um 0°C deutlich angenehmer und energieeffizienter.

Wie plane ich meine Touren naturverträglich?

Meine Tour sollte also nicht nur für mich stressfrei sein, sondern auch für die Wildtiere in den Bergen. Da die Routen im Winter meist anders verlaufen als im Sommer, sollte man sich für die Ski- oder Schneeschuhtour unbedingt über den entsprechenden Aufstieg informieren.

Die meisten Tourengeher planen und orientieren sich mit Apps. Hier können vor allem zwei Apps empfohlen werden, in denen die Schutzzonen integriert sind. Das sind die digitalen Winterkarten der Apps alpenvereinaktiv.com und outdooractive.com. „Leider sind nicht in allen Touren-Apps die Zonen integriert“, weiß Bossert. Die Betreiber der App Komoot beispielsweise geben ausdrücklich an, dass die App nicht für Wintertouren geeignet ist. Schongebiete und Wintersperrungen sind in der App nicht angegeben. Nutzern werden am Berg die gleichen Wege angezeigt, wie im Sommer, was bei Lawinengefahr sogar sehr riskant sein kann.

Dass es wichtig ist Schutzgebiete möglichst einer breiten Öffentlichkeit online aufbereitet zur Verfügung zu stellen, hat „Digitize The Planet“ erkannt. Dieser Verein hat das Ziel, alle relevanten Vorschriften, einschließlich der Gesetze und lokalen Regeln für die Nutzung in der Natur zu digitalisieren und so aufzubereiten, dass sie allen Nutzern und Portalen als Grundlage für die naturverträgliche Tourenplanung dienen.

Bossert empfiehlt, immer einen Blick auf eine Karte werfen, die mit dem DAV Gütesiegel „Natürlich auf Tour“ ausgezeichnet ist und somit alle Wald-Wildschongebiete sowie die Wildschutzgebietet aufzeigt. Hierzu eignen sich die Alpenvereinskarten „BY-Bayerische Alpen“: „Wer hier mal draufschaut und danach plant, liegt immer richtig“, weiß er. Auf der Seite des Deutschen Alpenvereins findet man eine alphabetisch sortierte Beschreibung der Touren in den Bayerischen Alpen.

Auch vor Ort klären die Schilder des DAV über die naturverträglichen Routen auf.

Gebietsbetreuung Mangfallgebirge | Florian Bossert

Auch vor Ort klären die Schilder des DAV über die naturverträglichen Routen auf.


Vor Ort, an den ausgewiesenen Tourenparkplätzen sind zusätzlich Schilder aufgestellt worden, auf denen die Gebiete gut erkennbar dargestellt sind. Und auch unterwegs gibt es Hinweisschilder zum Verlauf der Aufstiegsroute. „Da gibt es zum Beispiel die grünen Positiv-Schilder und die gelben Stopp-Schilder“, erklärt Bossert, der im Mangfallgebirge diese Schilder selber aufstellt. Er rät dazu, sich in einer stillen Stunde einmal mit den Schutzgebieten grundsätzlich auseinander zu setzen, die in den vom Wohnort relativ schnell erreichbaren Regionen liegen. „Zwischen Inntal und Zugspitze gibt es etwa zehn Schutzgebietsverordnungen“, klärt er auf. Dann wisse man dann schon einmal im Voraus Bescheid. Bei der Detailplanung kann man dann konkret darauf achten, dass man naturverträglich unterwegs ist.

Kopf einschalten bei der Spuranlage

Ein Problem für Bossert sind Spuren, die in sensible Bereiche führen. „Viele Tourengeher nutzen die vorhandene Spur, ohne zu schauen, ob diese auch die Schutzzonen meidet“, weiß er aus Erfahrung. Daher ist er dazu übergegangen naturverträgliche Spuren einer „Modetour“ nach Neuschnee in Zusammenarbeit mit den Rangern der Alpenregion Tegernsee-Schliersee selbst anzulegen in der Hoffnung, dass diese dann von den meisten Bergsteigern angenommen werden. „Auch Nachahmer, also Menschen, die falsch angelegte Routen nutzen, sorgen für Störungen der Tierwelt“, so Bossert. Was Wenige wissen: Auf von Menschen angelegten Spuren kommen Füchse in Regionen, die sie im Winter normalerweise nicht erreichen würden“, erklärt er. Dies bedeute weitere Gefahren für beispielsweise die Birkhühner.

Die für den Gebietsbetreuer wichtigste Regel lautet: Nicht in den Dämmerungs- und Nachtstunden unterwegs sein. Touren mit Stirnlampen sieht er daher kritisch. „Das stresst die Tiere enorm und verhindert, dass sie ihre Energiereserven auffüllen können“, weiß er. Er rät zudem davon ab, im Winter in der Dämmerung am Gipfel und Kamm- und Gratbereichen unterwegs zu sein. Das seien im Winter die wichtigsten Lebensräume der Birk- und Schneehühner. „Wir sind alle Teil dieses Ökosystems und sollten es auch für uns alle erhalten“, wünscht er sich.

Ja, wer ist denn hier entlangspaziert? Latschen und Sträucher dienen Rauhfußhühnern im Winter als Schutz. Deshalb sollte man Abstand zu Baum- und Strauchgruppen halten.

Gebietsbetreuung Mangfallgebirge | Florian Bossert

Ja, wer ist denn hier entlangspaziert? Latschen und Sträucher dienen Rauhfußhühnern im Winter als Schutz. Deshalb sollte man Abstand zu Baum- und Strauchgruppen halten.


Neun Tipps für naturverträgliche Wintertouren

  1. Die wichtigste Regel: Nie vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang unterwegs sein bzw. nicht in den Dämmerungs- und Nachtstunden unterwegs sein.
  2. Im Hochwinter Gipfel, Rücken und Grate vor 10 Uhr und nach 16 Uhr meiden.
  3. Touren immer mit Karten (die das „DAV-Gütesiegel“ Natürlich auf Tour!“ tragen) oder entsprechenden ausgestatteten Onlinetools planen, auch bei bekannten Touren!
  4. Am Ausgangspunkt auf Hinweistafeln und Routenempfehlungen achten.
  5. Lärm vermeiden!
  6. Lebensräume erkennen: Wildtiere nur aus der Distanz beobachten, Futterstellen umgehen, Hunde anleinen.
  7. In Waldgebieten und an der Waldgrenze auf üblichen Skirouten, Forst- und Wanderwegen bleiben, Abstand zu Baum- und Strauchgruppen halten.
  8. Für die Vegetation: Aufforstung und Jungwald schonen.
  9. Regeln für Skitouren auf Pisten beachten.

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