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Wie gesund ist Barfußlaufen? Prof. Dr. med. Wessinghage im Interview

2 Minuten Lesezeit
Barfußgehen ist gesund, aber Ungeübte sollten es langsam angehen lassen. Lauflegende und Arzt Prof. Dr. med. Thomas Wessinghage verrät im Interview die wichtigsten Fakten zum Barfuß-Laufen aus medizinischer Sicht.
Ehemaliger Leichtathlet und Sportmediziner Prof. Dr. med. Thomas Wessinghage ist ein passionierter Barfußläufer.

Archiv Wessinghage

Ehemaliger Leichtathlet und Sportmediziner Prof. Dr. med. Thomas Wessinghage ist ein passionierter Barfußläufer.


„Hast Du Deine Schuhe verloren?“ – „Nein, ich bin so auf die Welt gekommen.“ Dieser imaginäre Dialog zwischen einem Vertreter unserer heutigen „beschuhten“ Gesellschaft und einem Verfechter des Barfußlaufens zeigt zweierlei: Dass das Barfußlaufen einerseits eine der natürlichsten Fortbewegungsarten des Menschen ist, und dass wir es uns andererseits im Laufe der menschlichen Geschichte fast vollständig abgewöhnt haben (mit Ausnahme von „geduldeten“ Zonen wie am Strand, im Schwimmbad oder zuhause im Garten). Dabei ist Barfußgehen nicht nur gesund, sondern macht auch Spaß – man denke nur an seine eigene Kindheit in Omas Garten zurück. Natürlich verlockt nicht jeder Untergrund dazu, weshalb die Erfindung von sogenannten Barfußschuhen sehr gelegen kommt. Wenn man aber seit seiner Kindheit nicht mehr barfuß gegangen ist, ist es mit der Umstellung – ob ganz ohne oder mit minimalen Schuhen – nicht so einfach, will man seinen Füßen wirklich etwas Gutes tun.

Deshalb haben wir Prof. Dr. med. Thomas Wessinghage, seit eh und je passionierter Barfußläufer und gern auch in Barfußschuhen unterwegs, zum Thema befragt. Der Chefarzt der Abteilung Orthopädie und Sportmedizin im Medical Park St. Hubertus in Bad Wiessee am Tegernsee hält regelmäßiges Barfußlaufen für sinnvoll. Im Klinikum werden unter anderem die Schuhe des bayrischen Spezialisten für Barfußschuhe Sole Runner getestet und eingesetzt. Im Interview erläutert der ehemalige Mittel- und Langstreckenläufer, warum Barfußlaufen gesund ist und was man beachten sollte, wenn man auf Barfußgehen – ob komplett oder geschützt in Barfußschuhen – umsteigen möchte.

„Barfußgehen und Barfußlaufen sind die natürlichsten Formen der Fortbewegung des Menschen“

Franziska v. Treuberg: Herr Prof. Dr. Wessinghage, wie gesund ist es tatsächlich, barfuß zu laufen?

Prof. Dr. med. Thomas Wessinghage: Barfußgehen und Barfußlaufen sind die natürlichsten Formen der Fortbewegung des Menschen. Die fundamentalistische Argumentation hebt hervor, dass im Bauplan des Menschen seit eh und je keine Schuhe, keine Absätze und keine dämpfenden Sohlen vorhanden waren.

Barfußgehen über verschiedene Untergründe fördert nicht nur die Greiffunktion der Zehen, sondern stärkt auch die Fuß- und Beinmuskulatur.

Alexander Fausel/pixelio.de

Barfußgehen über verschiedene Untergründe fördert nicht nur die Greiffunktion der Zehen, sondern stärkt auch die Fuß- und Beinmuskulatur.


Der menschliche Fuß ist so gebaut, dass sich seine Belastbarkeit auf statische und dynamische Stabilisierung gründet. Das knöcherne Gerüst – die Statik – hat sich dem aufrechten Gang angepasst und dafür im Vergleich zur Hand einen guten Teil seiner Flexibilität geopfert. Dennoch ist auch ein dynamischer Anteil, gewährleistet durch Muskeln, Sehnen und Bänder, für eine vollkommene Funktionsfähigkeit erforderlich. Diese entwickelt sich nur, wenn der Fuß frühzeitig, also möglichst schon im Kleinkindesalter, vielfältigen Anforderungen ausgesetzt wird. Ein gutes Beispiel ist die Greiffunktion der Zehen. Beim Barfußgehen auf Naturböden (Wiese, Waldboden, Sand, Kies etc.) wird sie sozusagen auf Schritt und Tritt gefordert und gefördert. Eingesperrt in einen festen Schuh benötigt der Fuß diese Funktionen aber gar nicht und verliert sie infolgedessen.

Was ist sonst noch anders beim Barfußlaufen?

Dr. Wessinghage: Barfußläufer sind Vorfußläufer. Nur so kann der Aufprall beim Aufsetzen des Fußes auf den Boden ausreichend gedämpft werden. Das „Sich-in-den-Schritt-hineinfallen-lassen“, wie es mit weichen Schuhen möglich ist, gelingt barfuß nicht. Barfußlaufen ist ein aktiver Prozess, jedes Barfußlaufen ist daher auch ein effektives Fuß- und Beinmuskeltraining.

„Das Barfuß-Laufen muss sinnvoll und dosiert geübt werden“

Was sollte man als ungeübter Barfußläufer beachten?

Ein gesunder Fuß kann sich in jedem Alter an das Barfuß-Laufen gewöhnen. Zunächst wird die Haut widerstandsfähiger, nach und nach dann die Muskulatur gestärkt.

Stephanie Hofschläger/pixelio.de

Ein gesunder Fuß kann sich in jedem Alter an das Barfuß-Laufen gewöhnen. Zunächst wird die Haut widerstandsfähiger, nach und nach dann die Muskulatur gestärkt.


Dr. Wessinghage: Barfußlaufen kann schädlich sein, wenn die Anforderungen die Leistungsfähigkeit des Fußes übersteigen. Ein einfaches Beispiel: Wer in der Lage ist, fünf Minuten barfuß auf einer Wiese zu laufen, muss noch nicht fähig sein, einen Marathonlauf barfuß ohne Nachteile zu überstehen. Wie jede Belastung muss auch das Barfußlaufen sinnvoll und dosiert geübt werden.

Ein gesunder Fuß kann sich – selbstverständlich auch in höherem Alter – an das Barfußgehen und -laufen gewöhnen. Erste Anpassungen betreffen die Haut, die widerstandsfähiger wird. Mit einer gewissen Verzögerung wird sich auch die Muskulatur verbessern. Liegen allerdings ausgeprägte und gegebenenfalls fixierte Fehlstellungen vor, könnte das die Möglichkeiten des Barfußgehens und Barfußlaufens limitieren.

Es scheint oft, als gibt es nur die zwei Lager: Laufschuhe mit Dämpfung oder Barfußschuhe. Was spricht aus medizinischer Sicht für oder gegen eine Dämpfung bei Laufschuhen?

Dr. Wessinghage: Hier muss ich Ihnen widersprechen. Es gibt für mich mindestens drei Kategorien von Laufschuhen, nämlich erstens diejenigen mit Dämpfung und weiteren Funktionen wie einer Fersenkappe, stützenden Elementen in der Zwischensohle, einer Gewölbestütze etc., zweitens Laufschuhe mit guter Dämpfung, aber ohne jegliche Stützfunktionen (paradigmatisch sei hier der Nike Free genannt) und drittens die Barfußschuhe.

Gegen eine dosierte Dämpfung bei Laufschuhen ohne weitere Eingriffe in die Bewegungsabläufe des Fußes spricht meines Erachtens nichts, da diese Schuhe weniger radikal sind als die echten Barfußschuhe, die Anpassung des Läufers ist dementsprechend einfacher. Sie stellen aber durchaus erhöhte Anforderungen an den Fuß und seine Funktionen und sorgen verglichen mit dem klassischen Laufschuh für eine Adaptation des Fußes im positiven Sinne.

Umstieg auf Barfußschuhe: Tipps von Dr. Wessinghage

Welche Tipps würden Sie jemandem geben, der auf Barfußschuhe umsteigen möchte? 

Hersteller von Barfußschuhen wie die junge bayrische Marke Sole Runner ermöglichen geschütztes Barfußlaufen auf jedem Untergrund.

Sole Runner

Hersteller von Barfußschuhen wie die junge bayrische Marke Sole Runner ermöglichen geschütztes Barfußlaufen auf jedem Untergrund.


Dr. Wessinghage: Voraussetzung für eine geringe Verletzungsgefahr bei der Anpassung an Barfußschuhe ist die Gewöhnung in kleinen Schritten. Das heißt: vorsichtig, auf angenehmem Untergrund (zum Beispiel gepflegter Rasen), mit kurzen Laufstrecken beginnen. Nach und nach kann man die Distanz ausdehnen, die Geschwindigkeit steigern, den Untergrund verändern. Engagierte Barfußläufer berichten, dass es ihnen nach einigen Monaten nichts mehr ausmache, barfuß längere Strecken zurückzulegen, sogar auf Asphalt. Ein Fuß, der das kann, ist belastbarer und widerstandsfähiger gegen Verletzungen geworden.

Andererseits spielt zum Beispiel das Körpergewicht des Eigentümers des Fußes eine enorme Rolle, da es sich beim Auf und Ab des Gehens und Laufens vervielfältigt. Ist der Mensch zu schwer, wird irgendwann auch der gesündeste Fuß Schaden nehmen. Wer im Stand seine Füße nicht sehen kann, sollte es erst mit ein wenig Gewichtsreduktion versuchen und die Barfußschuhe lediglich für kürzere Gehstrecken verwenden. Das Barfußlaufen sollte erst später in Angriff genommen werden

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Prof. Dr. Wessinghage für das Interview!

Barfußlaufschuhe und Laufschuhe mit geringer Dämpfung im Test bei Bergzeit:

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in die berg bin i gern
7 Jahre

Ich gehe unheimlich gern barfuß! Auch möchte ich meine kinder gern und viel barfuß gehen lassen. Jedoch wird man dann mit fragenden, herabwürdigen blicken regelrecht beworfen. So traut man sich oft nicht mehr ohne schuhe vor das haus usw. Das finde ich sehr schade. Aber euer artikel zeigt mir das ich mit meiner einstellung gar nicht so falsch liege und werde deshalb meinen kindern und mir wieder mehr „fußfreiheit“ geben! :)

Klaus
7 Jahre

Endlich mal eine fundierte Stellungnahme zum BarfußLaufen; bisher hatte ich den Eindruck, dass BarfußLaufen sehr optimistisch bzw. naiv propagiert wird. Fußfreiheit, natürliche Form der Fortbewegung, Doping für die Füße usw.; was machen die gutgenährten Wohlstandsbürger, was macht die riesige Zahl der Läufer mit Fehlstellungen im Sprunggelenk? Gestern war noch die Laufanalyse mittels Laufband und Videoaufnahme Pflicht für jeden Laufshop, heute haben wir alle keine Pronation oder Suprination, keine Hohl- oder Spreizfüsse mehr? Die Umstellung auf Barfußlaufen und Bafuss-Schuhe ist nicht nur nicht leicht und braucht nicht nur Zeit; für viele Läufer ist sie einfach nicht möglich! BarfussLaufen ist schön, macht… Read more »

Big Foot
7 Jahre

Leider kann ich Klaus nicht recht geben und diskutiere auch öfters mit meinem Orthopäden deswegen. Es ist nunmal so, dass der Mensch über einige Tausend Jahre von der Evolution selektiert und optimiert worden ist. Wie kann sich der moderne Mensch anmaßen das alles in Frage zu stellen. Ich bin 1,95 und wiege 120kg und habe auch eine starke Fehlstellung die man in der Kindheit sogar operieren wollte – Diagnose: nie Schmerzfrei. Ich habe seit dem Barfußlaufen keine Gelenkprobleme, keine Knieprobleme, einen Waschbrettbauch, weniger Rückenbeschwerden. Wenn der Mensch nicht von Geburt an überall eingreifen würde (Schuhe die so grotesk falsch konstruiert… Read more »

VItaminB
7 Jahre

super Beitrag! ….und um auf den Kommentar zurück zukommen – die „Fehlstellungen“ sind doch nur wegen der nicht mehr genutzten Fußmuskulatur. Die meisten Läufer stecken ihre Füße in die super gedämpften, gestützten Schuhe in denen der Fuß wie einbetoniert ist und sich keinen Millimeter bewegen kann, geschweige denn vernünftig abrollen. Laufe selbst in der „Barfußtechnik“ POSE Method und trage Laufschuhe mit sehr dünnen und flexiblen Sohlen und einer Sprengung von 0 mm (um meine Füße vor Glasscherben o.ä. zu schützen). Zu Hausen laufe ich nur noch Barfuß bzw. in selbst gemachten Filzpuschen (der Kälte wegen, aber Socken täten es auch)… Read more »

Christian
6 Jahre

Ich finde den Artikel auch sehr interessant. Endlich mal mit einem wissenschaftlichen Hintergrund und nicht die übliche schwarz-weiß Meierei der pro und contra Lager.

Ich habe schon zwei mal versucht mit dem Barfuß Laufen anzufangen, habe es aber jeweils übertrieben. Derzeit starte ich Versuch Nr drei in dem ich erst mal versuche das Barfuß gehen in den Alltag zu integrieren, um so den Fuß schonender vorzubereiten. Ich merke aber auch schon wieder leichte Überlastungssymthome, muss es also sehr dosieren.

Generell macht mir das Barfuß laufen Spaß und auch der Laufstil.

Hat noch jemand weitere Tips zur Umstellung?

Paul Kersten
1 Jahr

Vielen Dank für den tollen Beitrag. Interessant, das der Chefarzt der Abteilung Orthopädie und Sportmedizin im Medical Park St. Hubertus, regelmäßiges Barfußlaufen für sinnvoll hält. Toll, das im Klinikum unter anderem die Schuhe eines Spezialisten für Barfußschuhe getestet und eingesetzt werden. Ich muss wegen ein paar kleinen Beschwerden auch bald wieder zum Orthopäden. Dort werde ich auch nochmal nach der Thematik fragen.

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Beat
4 Monate

Interessanter Artikel, was wenn mir die Knie Schmerzen mit normalen Laufschuhen und mit einem sehr gut gedämpften Laufschuh (Brooks Adrenaline) nicht, ist dann das Barfusslaufen für mich auch eine Option?

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